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Die Sekundärbilder- und inschriften von Musawwarat es Sufra

Während nur spärliche Reste des offenbar kargen offiziellen Dekorationsprogramms der Großen Anlage überliefert sind, finden sich auf ihren Wänden aus Sandsteinblöcken Tausende von Sekundärbildern. Diese oft sehr feinen informellen Ritzungen stellen eine reiche Quelle zur nicht-offiziellen Kunst der meroitischen und der nachfolgenden Perioden dar. Die Ritzzeichnungen umfassen anthropomorphe und zoomorphe Motive. Erstere schließen neben Ganzkörperdarstellungen auffallend viele Kopfdarstellungen ein, von denen einige als Portraits von Königen oder Prinzen, andere als Portraits von Feinden interpretiert wurden. Letztere umfassen sowohl domestizierte als auch wilde Tiere, unter anderem Rinder, Pferde, Schafe, Hunde, Löwen, Elefanten, Giraffen, Antilopen, Hasen, Paviane, Krokodile, Schlangen, Fische und verschiedene Vogelarten.

Sekndärbilder Musawwarat Copyright Cornelia Kleinitz

Zudem sind Darstellungen von Booten, Architekturelementen, Altären und meroitischen Symbolen, wie dem Anch auf der Mondsichel, bekannt. Einige der Bilder sind dem täglichen Leben der Meroiten entlehnt, andere repräsentieren Darstellungen mythologischer Themen. Zu letzteren sind Repräsentationen des Löwengottes Apedemak, Darstellungen der widdergestaltigen Personifikation des Amun oder des paviangestaltigen Thot sowie einiger Sphingen zu zählen. Szenische Darstellungen, die eine ‚Kalbungsszene’, die ‚Biertrinker’, das erotische Graffito ‚Heilige Hochzeit’, vielerlei Jagd- aber auch Kampfszenen und andere umfassen, geben besonders lebendige Einblicke in die Gedankenwelten der Menschen der meroitischen Epoche. Neben den Sekundärbildern sind mehr als 120 Inschriften in meroitischer Kursive bekannt, darunter zahlreiche Proskynemata, d.h. Anrufungen und Anbetungen, von denen sich die meisten an den Gott Apedemak richten.

Die dargestellten Motive, stilistische Kriterien sowie Überlagerungen und Patinierungs-zustände verschiedener Darstellungen lassen darauf schließen, dass viele der Sekundärbilder aus der meroitischen Zeit stammen, also aus den Jahrhunderten zwischen ca. 300 v. Chr. und 350 n. Chr. Baugeschichtlich sind die Mauern, auf denen die Sekundärbilder zu finden sind, nicht älter als in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. zu datieren. Einige Sekundärbilder mögen jedoch aus älteren Baustufen stammen, da Sandsteinblöcke auch sekundär verbaut wurden. Viele der Sekundärbilder und –inschriften wurden somit in die Wände der Großen Anlage geritzt, als diese entweder noch aktiv genutzt wurde, oder als die Erinnerung an ihre ursprüngliche Funktion noch lebendig war. Die informellen Ritzungen mögen auf diese Funktion Bezug genommen haben. Sie können somit potentiell wertvolle Hinweise auf die in der Forschung noch immer umstrittene Interpretation des Baukomplexes und seiner verschiedenen Komponenten geben. Neben den Ritzungen der meroitischen Zeit sind auch aus den nachfolgenden postmeroitischen, christlichen und islamischen Perioden zahlreiche Sekundärbilder und –inschriften auf den Wänden der Großen Anlage zu finden. Diese umfassen unter anderem die Mehrzahl der Kamelmotive, die sowohl mit als auch ohne Reiter dargestellt wurden, sowie zahlreiche geometrische Formen. Auf diese Epochen weisen auch Inschriften in altnubischer, griechischer und arabischer Sprache sowie eine Vielzahl von Monogrammen.


Seit dem frühen 19. Jahrhundert haben sich europäische Reisende auf den Wänden der Großen Anlage verewigt. Inschriften nennen unter anderem Linant de Bellefonds, Frédéric Cailliaud, Fürst Pückler Muskau oder die Königlich Preussische Expedition unter Karl Richard Lepsius. Auch mancher heutige Besucher fühlt sich berufen, seine Spuren auf den Wänden der Großen Anlage zu hinterlassen. Durch diese modernen Graffiti werden die antiken – und erst partiell untersuchten – Zeugnisse jedoch beschädigt und verunklart. Die neuen Forschungen haben daher auch zum Ziel, der ohne Sicherungsmaßnahmen kaum zu verhindernden mutwilligen Zerstörung der Sekundärbilder und –inschriften sowie ihrer fortschreitenden Verwitterung zuvorzukommen und die zeitnahe Dokumentation und Publikation des Materials voranzutreiben.

Text: Cornelia Kleinitz

Sekundärbild Musawwarat - Copyright Cornelia Kleinitz


Literatur:

Hintze, U.

1979 The graffiti from the Great Enclosure at Musawwarat es Sufra, In: Hintze, F. (Hrsg.): Africa in Antiquity. The Arts of Ancient Nubia and the Sudan. Meroitica 5. Berlin: 135-150.
 

Kleinitz, C.

2007 Magisch-religiöse Zeichen der meroitischen und postmeroitischen Epochen in Nubien. Der Antike Sudan. Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft: 18: 99-113.
 
2008 Neue Arbeiten zu den Sekundärbildern der Großen Anlage von Musawwarat es Sufra. Der Antike Sudan. Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft: 19.

 

Łajtar, A. & J. van der Vliet

2006 Rome – Meroe – Berlin. The southernmost Latin inscription rediscovered (CIL III 83). Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 157: 193-198.

 

Wenig, S.

1999 Zur Deutung der Großen Anlage von Musawwarat es Sufra. Nürnberger Blätter zur Archäologie. Sonderheft Sudan 1999: Festschrift Steffen Wenig. Nürnberg: Bildungszentrum der Stadt Nürnberg: 23-44.
 
2002 Die Restaurierungskampagne der SAG 2001 in Musawwarat es Sufra. Der Antike Sudan. Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft 13: 6-13.
 
2003 Die Grabungs- und Restaurierungskampagne 2002 in Musawwarat es Sufra. Der Antike Sudan. Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft 14: 7-15.
 

Wolf, P.

1994 ''Felsbildkunst'' an den Tempeln von Musawwarat es Sufra, Actes de l'assemblée annuelle de l'association des amis de l'art rupestre saharien, Ingolstadt 21-23 Mai, 1993: 37-41.
 
1999a Arbeitsbericht über die Dokumentation der Sekundärbilder und Sekundärinschriften von Musawwarat es Sufra. Der Antike Sudan. Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft: 9: 44-51.
 
1999b Götter und Graffiti – Zur Interpretation der Großen Anlage von Musawwarat es-Sufra. Nürnberger Blätter zur Archäologie. Sonderheft Sudan 1999: Festschrift Steffen Wenig. Nürnberg: Bildungszentrum der Stadt Nürnberg: 47-52.
 
2001 Die Höhle des Löwen. Zur Deutung der Großen Anlage von Musawwarat es-Sufra. In: Arnst, C.-B., Hafemann, I. & A. Lohwasser (eds.), Begegnungen. Antike Kulturen im Niltal (Festgabe für E. Endesfelder, K.-H. Priese, W. F. Reineke und S. Wenig). Leipzig, Verlag H. Wodtke und K. Stegbauer: 473-508.